Berichte von 10/2017

Über einen Monat ists her und so vieles hat sich verändert...

Sonntag, 15.10.2017

Könnt ihr es glauben, dass es jetzt schon über einen Monat her ist das ich meine Familie am Bahnhof verabschiedet habe meinen Fuß in das Flugzeug gewagt habe und das ich jetzt wirklich hier angekommen bin, in Nepal?

Also ich kann dies alles erst jetzt nach einem Monat so wirklich realisieren. Die ersten Tage hier, das weiß ich noch ganz genau, war ich wie im Rausch - so gebannt und unglaublich überwältigt von allen neuen Eindrücken. Die Stadt an sich ist mir so bunt vorgekommen, den Verkehr habe ich noch ganz skeptisch betrachtet und habe bei jedem sich nähernden Motorrad gehofft er würde mich jetzt bitte sehen und nicht zusammen fahren… Ich war teilweiße insgeheim verärgert über die Kinder, wenn überhaupt keine Motivation da war obwohl wir uns so viele Gedanken gemacht hatten, habe mich geärgert warum der Fernseher den ganzen Tag lief und konnte nicht so richtig verstehen warum manches einfach so grundlos aus dem Ruder gerät. In den letzten Wochen jedoch habe ich nun viele, teilweise wirklich schockierende Heimat und Hintergrundgeschichten von den Kindern erfahren und wenn ich dieses Kind dann jetzt hier sehe wie es mit einem strahlenden Lächeln auf mich zukommt - da verfliegen alle diese Gedanken ganz schnell und ich bin einfach nur so froh, dass es ihnen hier allen so gut geht!

Ich habe mir doch schon auch über einige negative Erfahrungen viele Gedanken gemacht, über die Situationen viel nachgedacht - doch jetzt fange ich an ein gewisses Verständnis zu entwickeln. Man kann nicht von Akzeptanz reden doch man lernt hier mit der Zeit vieles Ungewohntes und Neues zu verstehen und im Endeffekt auch hinzunehmen.

Als Beispiel was ich damit meine: Seit einiger Zeit versuche ich mit ein paar Kindern zu turnen und eine Choreografie für das anstehende große Fest am Samstag ( Tihar) auf die Beine zu stellen. Meine Mädchen sind eigentlich schon ziemlich motiviert, doch wie sollen wir üben wenn wir nie einen Raum zu Verfügung haben? Der wird nämlich in der Zeit wo wir üben hätten können von der Tanzlehrerin besetzt. Anmerken möchte ich hier natürlich, das ich es toll finde das unsere Kids die Möglichkeit haben professionellen Tanzunterricht zu bekommen ( schaut echt richtig gut aus, die Nepalesen haben das "sich geschmeidig bewegen" scheinbar im Blut laughing). Dennoch wird von mir erwartet, dass die Choreografie vorzeigbar ist an Tihar. Vor ein paar Wochen wäre ich wahrscheinlich panisch umhergelaufen und hätte mich geärgert warum das alles nicht klappt, warum sich keiner darum kümmert! Jetzt sitze ich völlig entspannt auf unserer Dachterrasse (die Kids sind gerade in der Schule) und denke mir, dass man dem alles einfach nur Zeit geben muss…irgendwas werden wir schon zeigen können an Tihar, vielleicht läuft dann alles wieder anders als geplant und endet im Chaos aber wen kümmert das schon. Die Kids auf jeden Fall nicht und mich auch nicht. Das einzige ist: Wenn ich mit den Kids öfters üben könnte, dann würd ich auch selber öfters zu meinem Handstand kommen ;)

Es gibt noch unzählig viele, gerade kulurell bedingte Situationen, die ich erzählen könnte (wer daran interessiert ist mich bitte persönlich fragen) wo ich gerade anfangs völlig überfordert war und im Nachhinein betrachtet viel zu schnell geurteilt habe. Doch ich glaube dies sei mir erlaubt, denn es ist manchmal schon echt schwierig sich in eine doch so andere Kultur und Lebensweise hineinzuversetzten. Ich gebe mir jedoch sehr viel Mühe für so vieles wie Möglich ein Verständnis zu entwicklen und finde es weitherhin unglaublich spannend so viel Neues jeden Tag zu erfahren und zu erleben.  

Ich bin also jetzt so wirklich angekommen hier in meinem neuen Zuhause in Nepal, mit 100 süßen Kindern die so oft mitt einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht auf mich zukommen!

Happy Dashain - dieses Jahr jedoch nur mit 30 Kindern!

Mittwoch, 04.10.2017

Einerseits freuten wir uns alle auf die Ferien der Kids, weil wir viele Ideen und Workshops geplant hatten andererseits grauste es uns auch vor der Vorstellung 24/7 zu "arbeiten", da die Kids ja ständig betreut werden müssen. Doch das kam dann alles ein bisschen anders als ich eines Morgens aufwachte und das nicht von Kindergeschrei. Völlig perplex wo denn bitte alle Kinder hin sind kam ich zu den anderen Volunteers, die etwas gelangweilt unten saßen. Da ich Anfang der Ferien eher im Bett verbracht hatte, habe ich nicht mitbekommen, dass nach und nach immer mehr Kids von ihren Familien und Verwandten abgeholt wurden bis schließlich nur noch 30 übrig blieben. Da dann zusätzlich leider noch meistens der Fernseher läuft konnten wir unsere geplanten Workshops nicht starten und sitzen eher gelangweilt in unseren Zimmern. Das war schon ein bisschen schade, doch find ich es so schön, dass doch noch so viele Kinder Verwandten, machen sogar noch Eltern haben - das war mir gar nicht so bewusst.

Das Dashain Festival

Letzten Samstag war es dann endlich soweit…das wichtigste hinduistische Fest steht bevor. Da stellte ich für mich nun die Frage: Wird das ein schönes Fest oder endet das alles eher im Chaos voller Nepaliungeplantheit? Lasst euch überraschen!

Angefangen hat es eigentlich schon die vorherigen Tage was man daran gemerkt hat, dass plötzlich nur noch unglaublich wenige Autos unterwegs waren (sie sind fast sogar in einer Reihe gefahren auf der Straße) und auch die Geschäfte schlossen alle im Laufe der Tage. Leider nicht unser "Metzgerei" direkt vor der Haustüre - nein die macht während des Dashain Festivals ihr Jahresgeschäft. Der Grund dafür ist nämlich der, dass es an Dashain Ziege zum Festmahl gibt. Darum "musste" ich schon die Tage davor Blutlachen und die Innereien der Ziegen auf dem Weg ertragen. Für die Nepalesen ist die Ziege natürlich das Highlight schlechthin, da grundsätzlich sonst Fleisch für die meisten zu teuer ist.

An Dashain werden traditionell neue Klamotten geschenkt und so haben auch unsere Kids schicke neue Trainingsklamotten bekommen, wo sie wirklich sehr sehr stolz drauf sind. Der Samstagmorgen fing dann mit einer Portion Milchreis mit scharfem Pickle an. Normalerweise essen die Nepalesen an Dashain bis es die Tikka gibt gar nichts, aber für die Kids wäre es bis Mittag einfach zu lange (auch für mich laughing)

Davor haben wir erstaunt zugesehen wie etwas komisches braungrünes über die Türe geschmiert worden ist, was sich dann im Nachhinein als Kuhmist herausgestellt hat… noch schnell ein paar grüne Gräser und die Tikka drauf und fertig.

Um fünf vor 12 war es dann auch soweit - die Tikka wird an uns verteilt. Das ist so ein Gemisch aus Reis, Jogurt und dem roten Tikkapulver das von dem Hausältesten auf die Stirn gemalt wird. Uns wurde dann noch ein grünes Gras in die Haare gesteckt und zusätzlich bekamen wir Praktikanten einen Teller voller Obst, sozusagen unser Geschenk. Was hat es jetzt damit auf sich? Nun ja soweit ich es verstanden habe ist die Tikka so etwas wie der Segen Gottes, den bekommt man ja auch bei jedem Tempelbesuch. Unser Obst war unser Geschenk, so wie die Kids ihre neuen Trainingsanzüge bekommen haben. In den Familien werden auch neue Klamotten verschenkt, es hat so ein bisschen Ähnlichkeit zu unserem Weihnachten. Nach der Zeremonie gab es dann Dal Bhat mit Ziege, oder natürlich auch die vegetarische Form mit Gemüse. Das ist dann wirklich das erste Mal wo bei den nepalesischen Familien gegessen werden darf.

Eigentlich wird an Dashain traditionell eine große Schaukel aus Bambus, die Dashain Schaukel aufgestellt. Doch leider wurde das dieses Jahr nicht gemacht, da nur so wenige Kinder noch im Haus waren - fand ich persönlich sehr schade, da die dagebliebenen Kinder sowieso schon traurig waren, da sie keiner abholen kam und das meiner Meinung nach eine sehr schöne Geste gewesen wäre. Der Nachmittag verlief dann eher ruhig mit den ein oder anderen Spielchen und leider hat auch oft der Fernseher uns abgelöst.

Irgendwie hat mich der Tag ziemlich überrascht, ja sogar an manchen Punkten etwas enttäuscht. Das soll jetzt überhaupt keine Anklage sein oder etwas an dem ich meckern möchte - nein ganz und gar nicht! Manchmal ist es einfach so, dass man so eine komplett andere Vorstellung vor etwas hat als es dann in Wirklichkeit ist. Ich bin in den Tag gestartet mit dem Gefühl, dass das ein ganz besonders aufregender Tag wird für die Kinder und unsere nepalesische Familie mit viel Trubel und einem großen Fest. Als dann quasi den ganzen Tag der Fernseher nonstop lief und irgendwie doch nicht so viel gefeiert wurde war ich einfach ein bisschen verwundert. Ich habe erfahren, dass Dashain eher ein besinnliches Familienfest ist wo jeder auch ein bisschen in sich kehrt und nachdenklich ist. Nun ja manchmal überrascht einen die Wirklichkeit doch ziemlich…aber es gab für mich an dem Tag trotzdem einige Momente die ich nicht so schnell wieder vergessen werde! :)

Der Kuhmist über unserer Eingangstür   Stolz auf die neuen Trainingsanzüge    Zeremonie wird vorbereitet     Ich bekomme meine Tikka ;)    mit meinen zwei lieben Mädels   Little Family    Mit den Jungs auf der Dachterasse